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Heinrich Eduard Jacob

Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, 7. Oktober 1989

Heinrich Eduard Jacob - einer der größten Enzyklopädisten und Schriftsteller des JahrhundertsAls "Vater des Sachbuchs" war er den Feuilletons 1964, zu seinem 75. Geburtstag, immerhin noch eine längere Meldung wert. Danach wurde es still um Heinrich Eduard Jacob, den Journalisten und Lyriker, einen ebenso akribischen Biographen wie heiteren Erzähler. Der "Tagesspiegel" verzeichnete im Oktober 1967 den Tod des geborenen Berliners, im "Israelitischen Wochenblatt" trauerte man um einen "bedeutenden Kulturhistoriker". Eine Kategorie, die dem Verfasser von "Sage und Siegeszug des. Kaffees" oder "Sechstausend Jahre Brot". sicher­lich eher gerecht wird als die nüchterne Bezeichnung "Sachbuchautor".

"Das Leben brandet auf in vielen Dingen", hatte der Germanist und Musikwissenschaftler 1911 seinen Beitrag für das expressionistische Zentralorgan "Die Aktion" begonnen. In den letzten Versen von Jacobs "Der Dichter" tauchte bereits das zeitlebens angestrebte Ideal eines distanzierten, aber keinesfalls gefühlslosen Chronisten auf: Nur Einer hat nicht teil und fühlt doch alles, wird nicht gesehen und sammelt Strahlen, ein stiller Lauscher des entfernten Schalles. verliebt in fremde Lust und fremde Qualen, sie formend nach dem Bilde eines Balles, den er dann fort wirft, um der Welt zu zahlen. Neben Lebensbeschreibungen von Mu­sikern wie Johann Strauß und Joseph Haydn galt Jacobs Aufmerksamkeit An­fang der dreißiger Jahre dem Thema "Kaffee", zu einer Zeit, da es George Orwell zufolge als unverzeihliche Sünde galt, "ein Buch nach seinem Sujet zu beurteilen". Andererseits hatte der russische Avantgardist Tretjakow bereits 1929 die "Biographie des Dings" propagiert, deren "kompositionelle Struktur" er mit einem Fließband verglich, auf dem das Rohpro­dukt entlanggleitet und sich erst durch "menschliche Bemühungen" zum nützlichen Ding entwickelt. Seltsamer Zufall, in Jacobs Buch avanciert der Kaffee 1934 zum "Helden", und der Untertitel verspricht die "Biographie eines weltwirtschaftlichen Stoffes".

In Wien wurde Jacob 1938 als "Schundliterat" von den Nationalsozialisten eingekerkert, nach einem Jahr KZ-Haft gelang ihm die Flucht in die USA. Als amerikanischer Staatsbürger bereiste er nach 1945 den alten Kontinent und erlebte im Nachkriegsdeutschland seine Renaissance als "Sachbuchautor". Rowohlt, der in den zwanziger Jahren neben diversen Romanen auch Bühnenstücke von Jacob her­ausgebracht hatte, knüpfte nun mit "Sechstausend Jahre Brot" an die Erfolge von Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" an. "Das Publikum verlangte nach der Katastrophe Belehrung in anregender und unterhaltender Form", erläuterte Lektor Paul Mayer diese Verlagspolitik. "Blut und Zelluloid", Jacobs Bestseller aus dem Jahre 1930, geriet derweil in Vergessenheit. Erst 1986 erschien im Oberon-Verlag eine Neuauflage des rasanten Romans, der mit Tempo und sprachlicher Eleganz die Gefahren des neuen Mediums beschwört. So ganz nebenbei wird aber auch die Produktion eines Kinofilms beschrieben: Da hat jemand eine Idee, ein abgehalfterter Regisseur macht 'ne Vorlage draus, und seine Freundin besorgt das Geld - die Kurbelei kann beginnen. "Man sitzt mitten drin", lobte das Fachblatt "Der Film", und Willy Haas stellte das Buch in der "Literarischen Welt" als Pionierleistung vor. Jacob habe das Prinzip der erfundenen Blickpunkte und perspektivischer Aus- und Einblicke von der Barockmalerei auf den Roman übertragen, "jede optische Beobachtung wird zum exzentrischen intellektuellen Einfall". Technik ist eine Seite, die andere heißt Politik. Und die kommt bei Jacob nicht zu kmz. "Patronenstreifen aus Zelluloid! Das Maschinengewehr des Films liefert zwanzig Hetzbilder in der Sekunde. Seine Wirkung auf die Kultur ist konzentrierter als die des Gases!" lässt der Autor einen Delegierten auf dem fiktiven Filmkongrelß des Völkerbundes in Paris befürchten. Zu Recht, denn längst wird mit französischem Geld ein "Hetzfilm" gegen das faschistische Italien gedreht - im Roman, versteht sich. Einige Kritiker, allen voran Ernst Glaeser in der "Frankfurter Zeitung", warfen Jacob vor, er habe die Realität aus den Augen verloren. Zwar sind im Stil der Beschreibung wogender Menschenmengen im Berliner Lichtermeer durchaus Ähnlichkeiten mit den phantastischen Raumfahrtvisionen eines Paul Scheerbart zu erkennen - unrealistisch wurde sie dadurch jedoch nicht.

Und neben den politischen Zeitromanen eines Heinrich Mann - etwa der Stinnes-Persiflage "Kobes" - konnte- Jacobs Buch durchaus bestehen. Nicht der Handlung wegen, sondern um einer "humanitären Gesinnung Ausdruck zu geben", verfaßte Jacob - der übrigens 1926 tatsächlich am Internationalen Filmkongreß in Paris teilnahm - "Blut und Zelluloid". Das vermutete jedenfalls Kurt Pinthus, und er fügte sogleich hinzu, "aus einem überzeugenden Tendenzwerk ward ein graziöses Kunstwerk". Emil Ludwig vertiefte sich in "Jacqueline und die Japaner", um schließlich die Vorzüge der Verknüpfung von Journalismus und Dich­tung zu erkennen: "Beide Formen gewinnen, der politische Artikel an Leichtheit und der Roman an Kürze." Leitartikel hat Jacob nie geschrieben. Zumindest auf den zweiten Blick aber werden sowohl in seinen Literaturbeiträgen (etwa für die "Weltbühne"), als auch tn manchem Roman genaue Analysen sichtbar, die sich bisweilen sogar als treffende Prognosen der politischen Zeitläufte erwiesen haben. Wenige Monate nach dem Fall Barschel soll die Serie der ieu aufgelegten Jacob-Romane bei Rowohlt demnächst mit dem dritten Band Fortgesetzt werden. Titel: "Ein Staatsmann strauchelt". Man darf gespannt ;ein, wie sich die Abgründe der hohen Politik aus dem Blickwinkel der letzten Jahre der Weimarer Republik ausnehmen.

Jochen Stöckmann in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, 7. Oktober 1989

 

 
     
 
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